Das Fahrstuhl-Gefühl – Homöopathie Lektion 9

von 27. Mrz 2018

In der homöopathischen Praxis gibt es ein Phänomen, dass ich gerne das Fahrstuhl-Gefühl nenne.

Nach Einnahme der Arznei fühlt sich der Patient gut, fast euphorisch, und dann nach einigen Tagen verschwindet diese Wohlgefühl wieder und wird möglicherweise sogar von einem Unwohlsein ersetzt. 

Warum damit noch nicht gesagt ist, dass das Mittel falsch gewählt wurde, wann dieses Phänomen positiv zu verstehen ist und wie es dazu kommt, erfährst du hier. Meine Ideen zum Fahrstuhlgefühl.

Lesezeit: 3:42 Minuten

Bild: pixabay.com

In der homöopathischen Praxis kommt es öfters zu folgendem Phänomen: Der Patient fühlt sich schlecht, bekommt eine Arznei und erlebt dann ein paar Tage lang einen euphorischen Zustand, der jedoch wieder verschwindet. Und dann stellt sich wieder ein negatives Gefühl ein. Meist zeigt sich darin das Fahrstuhl-Gefühl!

Achtung vor dem Fahrstuhl-Gefühl

Aber Achtung: bevor du jetzt das Mittel als falsch bewertest oder die Potenz des Mittels erhöhen willst, weil du sie als zu »schwach« einstufst, solltest du das Phänomen genau betrachten.

Denn sehr häufig ist der neue schlechte Zustand besser als der alte schlechte Zustand. Schlecht ist »relativ«. Und Verbesserung auch. Die Patienten denken nicht im Sinne von Verbesserung, sondern nur in Schwarz-Weiß-Gut-und-Schlecht-Kategorien. Und das dürfen sie ja auch. Nur wir als TherapeutenInnen müssen in Verbesserungs-Grautönen denken. Im Beitrag »Die Gefühls-Skala – Gefühle zur Prozessorientierung« habe ich ausführlich darüber geschrieben.

Und eine Bewegung von ganz Schlecht in nicht mehr ganz so schlecht ist eine Verbesserung und zeigt, dass die Bewegung in die richtige Richtung geht.

Aber warum hat sich der Patient denn dann so gut gefühlt? Das gute Gefühl ist doch wieder weggegangen und ein schlechtes Gefühl hat sich eingefunden. Also war doch das Mittel falsch oder zu »schwach«.

Das Fahrstuhl-Gefühl ist eine Bewegungs-Empfindung

Ja, aber: das gute euphorische Gefühl ist meist kein Gefühls-Ort. Es ist eben ein Fahrstuhl-Gefühl und kommt von der Empfindung der Bewegung.

Geht es dem Patient längere Zeit schlecht, dann herrscht meist auch schon länger Stillstand. Die Gedanken kreisen immer um das ähnlich Unerwünschte. Die Wahrheit sind eingefahren, alles ist fest und eng. Das gedankliche wie gefühlsmäßige Korsett ist fest zugezurrt. Der Widerstand drosselt alles herunter und führt zu Stagnation.

Läßt die Lebenskraft jetzt durch das passende Arzneimittel vom Widerstand los, dann kommt Bewegung ins Spiel (siehe Beitrag: »Der homöopathische Taschenspieler-Trick«. Es ist wie beim Aufzugfahren, der plötzlich und energisch losfährt: ein kribbeliges Gefühl im Bauch. Das euphorische Gefühl der Patienten, ist eine Reaktion auf die Bewegung, die endlich stattfindet.

Sobald sich der Organismus an die Bewegung angepasst hat, läßt die Euphorie nach. Angekommen in der neuen »Gefühls-Etage« öffnet sich die Aufzugstüre: der neue Gefühls-Ort mag immer noch im negativem Spektrum liegen, aber trotzdem ein paar Etage höher. Auch wenn das neue Gefühl noch kein gutes Gefühl ist, ist es besser als das Ausgangs-Gefühl. Und das ist gut. Das bedeutet: es läuft.

Homöopathisch bedeutet das: abwarten. Denn es ist noch nicht klar, ob die gute Bewegung weiter geht oder ob sie zum Stillstand gekommen ist. Das muss dann erst noch herausgefunden werden.

Gefühls-0rt oder Bewegungs-Empfindung?

Es gilt also zu unterscheiden zwischen der Bewegungs-Empfindung (das Fahrstuhl-Gefühl) und dem eigentlichen Gefühls-Ort (die Gefühls-Etage). Wenn der neue Gefühls-Ort besser ist, – was nicht gut bedeuten muss – sondern einfach nur besser als vorher, dann ist das zwischenzeitliche euphorische Gefühl »nur« Ausdruck der Bewegung und nicht als eigentliches Gefühl zu verstehen. Es ist »nur« das »Fahrstuhl-Gefühl«.

Es wird also nicht besser und dann wieder schlechter, sondern es bewegt sich (endlich!), was als Euphorie wahrgenommen wird, und dann kommt ein verbesserter Gefühlszustand. Nur ist der immer noch negativ, aber eben nicht mehr so negativ – also besser.

Der Ausdruck des Fahrstuhl-Gefühls ist eine Charakterfrage

Wie sehr das Fahrstuhl-Gefühl als euphorisch empfunden wird, hängt mehr von der Charakterstruktur ab, als von der Intensität des Bewegung. Manche sind aus dem Häuschen bei der geringsten Bewegung und andere lächeln zart bei einer intensiven Beschleunigung.

Wichtig ist nicht die Art der Äußerung und wie intensiv sie wahrgenommen wird, sondern die Äußerung für sich richtig einzuordnen. Du darfst sie nicht mit einem »Gefühls-Ort« verwechseln, sondern musst sie als Fahrstuhl-Gefühl identifizieren.

Das Gelingen des Heilungs-Prozess

Warum ist das für die homöopathische Behandlung wichtig? Weil du damit über Gelingen oder nicht Gelingen entscheidest. Ist es das Fahrstuhlgefühl, dann solltest du abwarten und herausfinden, ob die Bewegung weiter geht. Denn die Euphorie läßt nach – so oder so – auch dann, wenn die Bewegung trotzdem weiter geht.

Wenn du dich jetzt täuschen läßt und glaubst, die Bewegung würde nicht mehr stattfinden, dann gibst du ein Mittel in die Verbesserung hinein. Und das ist ungünstig. Warum? Weil du glaubst, du müsstest helfen, obwohl sich alles selbst hilft. Weil du dann gegen das Selbstheilungs-Prinzip arbeitest. Jetzt agierst du aus der Haltung des Scheiterns heraus und diese Haltung erschwert jetzt alles. Deshalb: beobachte und sehe, was ist.

Die Bewegung ist das Ziel

Je mehr du dich auf die Bewegung fokussieren kannst und du auch deine Patienten für die Bewegung sensibilisierst, desto weniger ist der Ort wichtig. Du weißt schon: der Weg ist das Ziel. Siehe auch Beitrag und Video »Auf der Suche nach dem Glück«!.

Im Prinzip geht es ja nur um die »Bewegung«. Die Lebenskraft soll sich wieder bewegen. Tut sie das, kommt alles andere von ganz allein, die Orte rauschen einfach so vorbei. Und es ist egal, wie sie heißen und ob sie gute oder schlechte Orte sind. Solange die Bewegung in die richtige Richtung stattfindet, solange empfinden wir sie immer als wohltuend. Deshalb empfinden wir eben auch die Bewegung von der Ohnmacht in die Wut ähnlich euphorisch wie die Bewegung vom Glauben zur Liebe.

Ich wünsch dir viel Bewegung und Euphorie auf deinem Weg in den Schöpferwirbel

Michael Antoni Unterschrift

2 Kommentare

  1. Anton

    Hallo Michael,

    sehr erhellende Beschreibung eines Phänomens das ich schon häufig erlebt aber bislang nicht wirklich durchschaut habe. Begegnet mir auch zu einem sehr passenden Zeitpunkt, habe gerade vorhin feststellen müssen, wie rasch die Gewöhnung einsetzt und die Euphorie abklingt, wenn man einen neuen „Gefühlsort“ erreicht.
    Auch hatte ich oft dieses „4-Schritte vor-3-zurück“-Gefühl des partiellen oder weitgehenden Verlustes des vorübergehend Erreichten. Wird interessant das unter veränderter Prämisse live zu beobachten.

    Sehr schöner und interessanter Blog, nebenbei bemerkt. Bin kürzlich zufällig darüber gestolpert und finde darin viele Themen, die auch mich umtreiben. Auf positive Weise irritierend ist besonders die mir häufig sehr fremde Perspektive. Eine wahre Fleißarbeit des Mit-Teilens, danke dafür.

    Herzliche Grüße

    Anton

    Antworten
    • Michael

      Hallo lieber Anton,
      genau das ist es, was mir lieb ist: ein kleine Irritation, die zum Nachdenken anregt. Das finde ich herrlich. Über die fremde Perspektive ist es ja gerade erst möglich zu bemerken, welche eigene Perspektive man für sich selbst gewählt hat. Und manchmal findet man die eigene gut und bleibt dabei und manchmal findet man die neue oder gar eine ganz andere besser und legt die alte ab. Eine kleine Irritation macht es möglich.

      Danke für deinen Kommentar!
      Herzlich Grüße Michael

      Antworten

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