Das Gefühlsgrab

von 10. Apr 2018

Wenn du dich sehr unwohl fühlst und keine Aussicht auf Besserung ist, dann fängst du an, dich an dein Unwohlsein zu gewöhnen, was bedeutet: du spürst es nicht mehr so richtig. Und wenn die Ohnmacht gar ganz groß wird, dann schaltest du das Gefühl völlig aus. Am unteren Ende der Gefühls-Skala angekommen begrabst du dein Gefühl, um es nie wieder zu spüren.

Warum das so ist, wie du das genau machst und wie du anders damit umgehen kannst, erfährst du hier. 

Lesezeit: 5:16 Minuten

Bild: pixabay.com

Gefühlsgrab. O.K. Vielleicht ein wenig pathetisch der Titel. Aber bei Gefühlen? Kann es da zu pathetisch sein? Für mich gibt es tatsächlich nichts Wichtigeres, als zu fühlen, wie ich mich fühle. Warum? Weil ich lange in wichtigen Bereichen meines Lebens nicht gefühlt habe, wie ich mich fühle. In manchen Bereichen hatte ich meine Gefühle begraben – ohne es zu wissen. Mir war nicht klar, dass ich nicht fühle, sondern einfach nur funktioniere. Im Nachhinein ist mir klar, dass ich das musste. Die Ohnmacht war zu groß. Was will ich damit sagen? Keine Ahnung. Jedenfalls kenne ich den Weg ins Gefühlsgrab. Und ich kenne die unschönen Auswirkungen.

Das Missverständnis

Jetzt aber los: dieser Weg ins Gefühlsgrab fängt an mit einem Missverständnis. Nehmen wir an, du hast ein Problem. Damit gibt es zwei wichtige Informationsquellen:

  1. Das, was du als Problem wahrnimmst, also die Umstände, wie sie durch deine fünf Sinne wahrgenommen werden.
  2. Dein Gefühl, welches du wahrnimmst, wenn du diese Umstände betrachtest.

Da es ein Problem ist, wirst du dich unwohl fühlen. Was passiert jetzt normalerweise? Du wirst versuchen, die Umstände zu verändern. Das erscheint ja nur logisch. Und die meisten machen es so! Also machst du es auch so.

Die Deswegen-Weil-Falle

Aber warum ist das so? Weil du einen kausalen Zusammenhang bastelst zwischen dem Gefühl, das du wahrnimmst und den Umständen, die du betrachtest – wie die meisten andern.

Deswegen – weil. Weil die Umstände, deswegen das Gefühl. Ich fühle mich so, weil die Umstände sind, wie sie sind.

Da du jetzt die Umstände verantwortlich machst für dein Gefühl, erscheint die einzige Lösung für eine Gefühlsverbesserung in der Verbesserung der Umstände.

»Einfach besser fühlen«? Kannste vergessen. Erst die Arbeit, heißt die Umstände erfolgreich und fleißig umkrempeln, dann das Vergnügen.

Das erschient nur logisch. Und doch ist es ein irrige Annahme.

Jetzt schaufelst du dein Gefühls-Grab

Und mit dieser irrigen Annahme schaufelst du dein »Gefühls-Grab«. Denn in vielen Fällen (auf Dauer gesehen in allen Fällen) hast du nicht die Möglichkeit an den Umständen etwas zu verändern. Der Partner weigert sich, die Eltern weigern sich, die Kinder weigern sich, der Chef weigert sich, die Angestellten weigern sich, die Politik weigert sich, die verdammte Welt weigert sich, so zu werden wie du es brauchst.

Ein so großer Diktator/Diktatorin kannst du gar nicht werden, dass alle das machen, was du brauchst, um dich gut zu fühlen.

Und jetzt haben wir das Dilemma: die Umstände lassen sich nicht verändern! Du aber glaubst, du müsstest die Umstände ändern. Und so wirst du deine Umstände fokussieren, egal was passiert und wie du dich auch fühlen magst.

Das Alte wird wieder Neu

Was passiert dann? In dem Augenblick, in dem du deine Umstände fokussierst, aktivierst du die »alte Wahrheit«, (siehe Beitrag »Die Realität erzählt alte Nachrichten«) die zu diesen unerwünschten Umständen geführt hat. Jetzt wird diese Wahrheit wieder dominant und führt zu ähnlichen Umständen. Dein Gewahrsein dieser Umstände führt dazu, dass sie sich nicht verändern können.

Das kenne wir schon. Darüber habe ich schon in verschiedenen Artikel hier auf dem Blog geschrieben. Hier jetzt will ich auf die Gefühle eingehen!

Mit den Gefühlen geht es jetzt bergab.

Was passiert jetzt »unter solchen Umständen« mit dem Gefühl?

Das Beobachten einer unerwünschten Realität und das gleichzeitige Wahrnehmen des Gefühls führen immer zu einem intensiver werdenden negativen Gefühl.

In meinen damaligen »Schöpferfreuden-Abenden« haben wir das viele Male erlebt und oft damit experimentiert: das Problem im Fokus, schlechtes Gefühl; weiterhin im Fokus, noch schlechteres Gefühl; weiterhin im Fokus, ein noch viel schlechteres Gefühl. Es ging die Gefühlsleiter einfach bergab. Und zwar fast immer in der Reihenfolge, wie in dem Artikel »Die Gefühls—Skala« beschrieben.

Auch in der Aufstellungsarbeit hat sich das immer wieder gezeigt: solange nur das Problem im Fokus ist, verschlechtert sich die Gefühlslage. Immer. Deshalb will das System nie beim Problem bleiben. Einmal gesehen und dazugehörig, will das System sofort zur Lösung.

Wird das nicht möglich, und das Problem bleibt dominant, fangen wir an, diese starken negativen Gefühle zu ignorieren, weil sie auf Dauer nicht aushaltbar sind.

Bleibt das Problem weiterhin dominant, wird zum letzten Mittel gegriffen: die Gefühle werden betäubt. Jetzt spürst du gar nichts mehr. Auf einmal verschwinden alle Gefühle. Nichts mehr da. Gleichgültig im Sinne – eh scheiß egal. Die Lähmung. Willkommen im Gefühlsgrab.

Du schaufelst also an deinem Gefühlsgrab, wenn du ein Problem dauerhaft fokussierst. Früher oder später, irgendwann, wenn die Ohnmacht nicht mehr aushaltbar ist, stirbt dein Gefühl ab und du gehst ins emotionale Koma.

Das Gefühlsgrab ist immer themenbezogen – also sehr spezifisch.

Es ist dann nicht so, dass du dann völlig darniederliegst – nein überhaupt nicht. Du kannst gerne immer noch ein fröhlicher Mensch sein und das die meiste Zeit. Aber sobald das spezifische Thema deines Problems auftaucht, schaltest du deine Gefühl ab.

Und wenn du jetzt dieses Thema nie wieder aufgreifen würdest, dann wäre das auch gar kein Problem. Nur ist es unwahrscheinlich, dass ein Thema bei dem du in die Lähmung gehst, nicht mehr auftaucht. Sehr unwahrscheinlich. Im Gegenteil: es ist wahrscheinlich, dass es ständig auftaucht, sonst wäre es ja nicht notwendig gewesen, in die Lähmung zu gehen.

Was tun? Verstehen!

Was tun? Erst mal nix konkretes. Siehe Artikel »Nutze den guten Moment«. Dann ist es wichtig, dass du dir klar machst: das Gefühl steht in keinem kausalen Zusammenhang mit den Umständen. Du fühlst dich nicht schlecht, weil irgendetwas in deinen Umständen fehlt.

Du fühlst dich schlecht, weil du die Umstände zum Anlass nimmst, etwas du denken, was überhaupt nicht zu dem passt, was du willst.

Jedes Gefühl zeigt dir an, wie das, was du jetzt gerade denkst, zu dem passt, was du willst.

Zur Erinnerung: die Umstände haben dazu geführt, das etwas Neues entstanden ist. Die Umstände sind die Geburtsstätte für das potentiell Neue. Siehe »Die drei Aufgaben der Realität«.

Deine Lebenskraft richtet sich jetzt auf dieses Neue aus und möchte nach dort fließen. Aber deine aktuellen Gedanken-Muster müssen das auch zulassen. Und das tun sie nicht in dem Augenblick, in dem du dich unwohl fühlst.

Verstehst du?

Dein Unwohlsein zeigt an, dass du deine Lebenskraft vermehrt hast, aber gleichzeitig den Hahn zugedreht läßt, so dass dieses Mehr nicht hindurchfließen kann. Damit steigt der Druck.

Und diesen erhöhten Druck nimmst du als Unwohlsein wahr.

Was tun? Druck rausnehmen!

Die Antwort auf die Frage »Was kann ich tun, um mich besser zu fühlen?« ist immer: den Druck zu reduzieren? (Und nicht die Umstände verändern).

Du musst den Hahn aufdrehen. Du musst den Widerstand verringern. Und langfristig musst du ein Weg finden, wie du deine Gedanken-Muster an das potentiell Neue anpaßt.

All das kannst du nicht machen, wenn du das Problem betrachtest. Das ist ausgeschlossen. Also laß vom Problem los.

Wie kann das gehen: lese hierzu »Probleme lösen – geht das wirklich?« und »Probleme lösen – der Homöopathische Taschenspielertrick«.

Aber glaub mir: wenn du wirklich verstehst, dass dein Gefühl ein Messergebnis ist, welches dir anzeigt, wie dein aktueller Gedanke zu deinem Erwünschten passt, dann wird es gleich viel, viel leichter. Und dann schaufelst du keine neuen Gefühlsgräber. Und das ist doch auch was.

Aber unter uns. Das wirklich zu verstehen ist ein Prozess. Genau so, wie wirklich zu verstehen, dass Krankheit nur eine Verstimmung der Lebenskraft ist. Beides hört sich erst einmal sehr leicht und einleuchtend an, aber es braucht oft viele Jahre, bis es wirklich in seiner Tiefe und vor allem in seinen Konsequenzen verstanden wird – mindestens bei mir.

Fühle dich einfach besser, ohne das Problem zu lösen. Oh ja, ganz egoistisch. Und wenn du dich dann besser fühlst – ungerechtfertigt – dann wirst du dich wundern, warum jetzt plötzlich eine Lösung parat ist.

Ein besser fühlen. Mach es einfach. Mach es jetzt.

Michael Antoni Unterschrift

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  1. Unbewusst – die große Ausrede — Hokus Pokus Fokus - […] achtest oder wie du mindestes dieses Gefühl im Bezug zu dieser Thematik begraben hast (siehe »Gefühlsgrab«). Vielleicht ist an…

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