Die Gefühls-Skala. Gefühle als Prozessorientierung – Homöopathie Lektion 7

von 16. Jun 2017

»Unter den Zeichen die in allen, vorzüglich in den schnell entstandenen (acuten) Krankheiten, einen kleinen, nicht jedermann sichtbaren Anfang von Besserung oder Verschlimmerung zeigen, ist der Zustand des Gemüths und des ganzen Benehmens des Kranken das sicherste und einleuchtendste.« Samuel Hahnemann, Organon § 253

 

Für die meisten ist klar, was sie unter einer Erleichterung oder einer Verbesserung zu verstehen haben, wenn es sich um körperliche Zustände oder um Lebensumstände geht. Wenn der Schmerz weniger geworden ist, aber immer noch da, dann ist das für alle als besser wahrnehmbar.

Aber bei Gefühlen ist das nicht ganz so eindeutig. Alle können zwar sehr schnell wahrnehmen, ob das neue Gefühl leichter oder besser ist, als das Gefühl davor, aber wenn du dir nicht die Mühe machst, bewusst genauer nachzuspüren, bedeutet »besser fühlen« für die meisten immer gleich »gut fühlen«.

Bei Gefühlen malen wir gerne schwarz-weiß. Ich fühle mich eben entweder gut oder schlecht. Und dazwischen geht wenig. In meiner Praxis bin ich sehr häufig damit beschäftigt, meinen Patienten klar zu machen, dass das jetzige Gefühl, zwar noch negativ ist, aber eine deutliche Verbesserung zeigt. Und erst, wenn sie dann genauer hin spüren, stellen sie fest, wie es doch innerlich leichter geworden ist.

Die Gefühls-Skala als Orientierungshilfe im Prozess

Deshalb hier eine kleine Orientierungshilfe, um genauer verstehen zu können, was »einfach besser fühlen« für mich bedeutet.

Die Gefühls-Quadratur

Wenn wir an Gefühls-Kategorien denken, dann sind zwei offensichtlich: positiv und negativ — das ist klar. Aber die beiden anderen, für mich viel wichtigeren Kategorien sind »Rauslassen« und »Zurückhalten« oder »extrovertiert« und »introvertiert«. Kombinieren wir diese, entstehen vier wichtige Kategorien:

  1. Positive Gefühle, die ausgedrückt werden. (Liebe ohne Widerstand)
    Gefühle, die sichtbar ausgestrahlt werden. Ich zeige meine Freude. Ich gebe von meiner Freude ab. Jeder kann davon etwas haben. Ob ich das laut mache oder leise ist eine Typ-Frage. Aber es strahlt aus mir heraus, ich halte nichts zurück. Jeder darf es sehen.
  2. Positive Gefühle, die zurückgehalten werden (Liebe mit Widerstand)
    Positive Gefühle, die ich mich noch nicht so recht traue zu zeigen. Ich halte das Positive etwas unsicher noch zurück. Ich bin mir unsicher, da ich noch nicht habe, was ich will, aber trotzdem bin ich positiv gestimmt. Es ist ein »unberechtigtes« gutes Gefühl. Besser es sieht keiner so wirklich.
  3. Negative Gefühle, die ausgedruckt werden (Liebe mit viel Widerstand)
    Negative Gefühle, die ich ausdrücke und zeige. Ich lass sie raus. Ich mute meinem Umfeld meine negativen Gefühle zu. Ich halte nichts zurück von meiner Negativität. Jeder bekommt was ab, jeder bekommt »sein Fett weg«.
  4. Negative Gefühle, die zurückgehalten werden (Liebe mit sehr viel Widerstand)
    Die negativen Gefühle richten sich auf mich. Ich »fresse« das Negative in mich hinein und lasse nichts davon raus. Ich gebe nichts ab von all dem Negativen. Mein Umfeld soll von dieser Negativität nichts mitbekommen. Das Negative ist ganz für mich.

Die Gefühls-Skala – 28 Orte auf der Reise von der Ohnmacht in die Liebe

Diese vier groben Kategorien, machen es leicht möglich, sich zurechtzufinden, auch ohne mein Gefühl genau zu benennen.

Trotzdem habe ich vor einigen Jahren eine Gefühls-Skala mit 28 Gefühls-Orten zusammengestellt, um sich leichter zurechtzufinden. Die 28 orientiert sich an der Astrologie und der klassischen Umlaufdauer des Mondes (Symbol für Gefühl) – so eine Spielerei eben.

Bei den Bezeichnungen für die Gefühls-Orte, muss euch klar sein muss, dass jeder unter einer Bezeichnung etwas anders verstehen kann. Nicht jedes Wort bedeutet für alle das gleiche. Deshalb sind die Gefühls-Namen nicht so wichtig und bilden eher mein Verständnis ab.

Es ist überhaupt nicht wichtig, wie wir ein Gefühl benennen, solange wir spüren können, ob es besser oder schlechter ist. Also macht euch nicht zu viele Gedanken über die Namen auf der Gefühls-Skala.

Die Gefühls-Klaviatur

Der Weg der Erleichterung. Die Gefühlsorte auf der Reise in den Schöpferwirbel.

Es gibt nur ein Gefühl: Liebe

Bevor wir mit der Reise durch die Gefühls-Skala beginnen, möchte ich nochmals daran erinnern, dass es nur ein Gefühl gibt: Liebe. (siehe Homöopathie Lektion 2 – Polarität) Alle anderen Gefühle sind nur verschiedene, heruntergedrosselte Ausdrucksformen der Liebe. Zweifel ist Liebe plus viel Widerstand. Hass ist Liebe plus sehr viel Widerstand. Ohnmacht ist Liebe plus sehr, sehr viel Widerstand.

Es ist wie beim Licht: um es dunkler zu machen schalten wir die Lichtquellen aus, oder erhöhen einen Widerstand (Dimmer), der »weniger Licht durchlässt.« Es gibt eben nur das Licht!. Die Dunkelheit ist einzig die Abwesenheit des Lichtes.

Das einzige, was sich wirklich ändert, ist nur der Widerstand. Mehr Widerstand bedeutet dunkler. Weniger Widerstand bedeutet heller.

Eine Gefühl ist nur ein Indikator für die Höhe des Widerstand

Selbiges gilt für die Gefühle. Mehr Widerstand bedeutet schlechter fühlen. Weniger Widerstand bedeutet besser fühlen. Kein Widerstand läßt die Liebe frei fließen.

Deshalb ist es bei allen »Techniken« der Gefühlsverbesserung auch nur wichtig, den Widerstand zu reduzieren. Des Rest geschieht von ganz allein.

Ihr könnt euch das wie einen Korken vorstellen, der mit viel Druck (Widerstand) unter Wasser gedrückt wird. Sobald der Druck weniger wird, steigt der Korken von ganz allein nach oben.

Wie schon öfters gesagt: unser Organismus weiß, wo Wohlsein ist, und will sich automatisch dorthin bewegen. Aber ein Widerstand verhindert das. Sobald der Widerstand geringer wird, wird die Bewegung ein Stück weit mehr möglich.

Die Reise von der Ohnmacht zu Liebe

Raus aus der Ohnmacht

Wenn wir die Reise aus der untersten Gruppe starten, dann starten wir beim größten Widerstand. Hier finden wir Ohnmacht, Depression, Scham und Schuld. Der Kummer, still und resigniert, wird nicht mehr mitgeteilt. Es ist fast so etwas wie eine Abwesenheit von Gefühlen, einer Kälte, einer Regungslosigkeit gleich.

Rein in die Wut

Natürlich ist es eine große Erleichterung, wenn das negative Gefühl endlich ausgedrückt werden kann. Die Starre löst sich und es entsteht Verzweiflung, Neid und Eifersucht, Wut und Zorn, Vorwurf und Ärger, Enttäuschung, Trotz und Verweigerung und endlich: die lösende Trauer.

Wenn jetzt die Wut ausgedrückt wird, dann fühlt sich das immer besser an, als in der lähmenden Schuld weiter zu verharren.

Von der Wut ausgehend ist der nächste Ort meist der Schuldvorwurf. Warum? Weil es sich natürlich besser anfühlt, jemandem die Schuld zu geben, als wütend zu sein.

Es fühlt sich besser an, im Recht zu sein, als wütend aggressiv. Mit dem Vorwurf kommt der Ärger hervor und wenn der abklingt, dann kommt die eigentliche Enttäuschung an die Oberfläche.

Jetzt erst wird deutlich, was nicht da ist, was man nicht bekommen hatte. Jetzt wird einem klar, wie sehr es schmerzt, nicht gesehen und mit seinen Bedürfnissen nicht wahrgenommen zu werden.

Die Tränen nehmen ihren Lauf. Es ist eine lösende Traurigkeit, die sich deutlich besser anfühlt, als noch die Vorwürfe oder die Wut.

Jetzt weiß ich, was ich nicht habe, obwohl ich es doch so sehnsuchtsvoll »brauche«.

Die lösende Trauer macht mich bereit, mich zu öffnen

Diese lösende Trauer führt in hinüber in die positiven Bereich: zaghaft schaut das möglich Positive um die Ecke. Zweifel. Kann das wirklich sein? Kann ich der Person, dem Leben wirklich trauen? Ja. Vielleicht? Die Sprossen der Leiter: unsicher, verständnisvoll, sehnsüchtig, hoffnungsvoll, optimistisch, wohlwollend, erwartungsvoll.

Der Zweifel führt zum Verstehen wollen. Warum? Das Verstehen löscht den Zweifel aus und entzündet die Sehnsucht, die Hoffnung, das Erwünschte vielleicht doch zu bekommen. Optimismus kommt auf. Es könnte sein. Jetzt fange ich an, wohlwollend auf jene zu schauen, denen ich vorher noch so ohnmächtig ausgeliefert war und ihnen danach voller Wut begegnet bin.

Ich spürte den Schmerz der Enttäuschung, ich spürte den Schmerz der Verletzung, und darüber wurde mir klar, was mir fehlt und ich mich so sehr danach sehne. Und jetzt? Jetzt schaue ich schon wohlwollend und erwartungsvoll auf die, die es mir geben könnten.

Hingabe läßt mich Empfangen

Jetzt läuft es von ganz allein. Vierte Gruppe: positiv-positiv. Die Gefühle sind stabil positiv und werden herausgelassen. Hingegeben, begeistert, leidenschaftlich erfüllt und erfreut, wertschätzend und dankbar, glücklich und leicht, liebevoll und offen.

Ich brauche den positiven Glauben, um in die so entscheidende Hingabe zu kommen. Denn nur in der Haltung der Hingabe kann ich das nehmen, was ich will: die Liebe, das Erwünschte.

Dann bekomme ich es und spüre die Begeisterung, die das in mir auslöst, was ich bekommen habe. Ich fühle mich erfüllt, dankbar und voller Wertschätzung für das Bekommene wie für den Geber. War vorher noch alles schwer, jetzt ist es leicht und heiter. Die Liebe ist da. Ziel erreicht.

Die Relativität des besseren Gefühls

Die Frage, was leichter oder schwerer ist, hängt immer von augenblicklichen Ort ab.

  • Fühlte ich mich vorher Ohnmächtig und jetzt ängstlich, dann ist das eine leichte Verbesserung.
  • Fühlte ich mich vorher wütend und jetzt ängstlich, dann ist das ein leichte Verschlechterung.
  • War vorher Scham und ist jetzt Wut, dann ist da eine deutliche Verbesserung.
  • Kommt danach Trotz, dann ist das wieder eine Verbesserung.
  • Marschiere ich aus dem Trotz wieder zurück in die Wut, dann ist das eine Verschlechterung.

Also Leichter oder Besser ist kein absoluter Zustand sondern eine relative Empfindung bezogen auf den aktuellem Ort im Prozess. Und die Gefühle zeige uns verlässlich an, wo wir uns im Prozess befinden und in welche Richtung der Prozess gerade läuft. Die Gefühle sind unsere Prozessorientierung.

Dabei ist es wie gesagt überhaupt nicht wichtig, wie wir das Gefühl benennen.

Es gibt nur zwei Gefühle zu unterscheiden: leichter oder schwerer, besser oder schlechter.

Und jeder kann das fühlen. Nur braucht es machmal Hilfe, so absichtlich die zarten Schattierungen herauszufühlen, und nicht bei den Schweiß-Weiß-Klischees zu bleiben.

Die »bösen« negativen Gefühle

Für viele Patienten ist es schwer auszuhalten, wenn sie aus den zurückgehaltenen schlechten Gefühlen hinaufwandern, zu den besseren, ausgedrückten, schlechten Gefühlen. Der Umgang mit Wut stellt schon eine besondere Herausforderung dar.

»Herr Antoni, mir geht es viel schlechter. Was ist mit mir passiert? Ich werde so schnell wütend und ärgerlich und führe mich auf wie ein kleines trotziges Kind.«

»Und was macht ihre Depression?«

»Oh! Ich glaube, die ist besser geworden. Ich fühle mich nicht mehr so schwer und antriebslos! Aber das mit der Wut, das geht nicht. Da fühle ich mich ganz schnell schuldig. Na ja und dann fühle ich mich schon wieder schwerer. Aber dann werde ich wieder wütend. Es ist schrecklich. Ich bin unausstehlich! Das will ich nicht!«

Die Vorliebe für das Brave, aber Kranke

Der Depressive ist uns lieber, als der Wütende. Und der leise »höfliche« Depressive ist uns lieber, als der jammernd nörgelnde Depressive.

Das bedeutet: was die negativen Gefühle angeht, sind uns die Kränkeren immer lieber, als die Gesünderen. Denn gesunder wäre, das uns die negativen Gefühle zugemutet werden – das ist für uns nicht so bequem. Bequemer ist es schon, wenn die andere Person kränker ist und ihre neagtiven Gefühle bei sich behält und um Gottes willen niemanden damit belästigt.

Das ist das Vermächtnis der Gehorsams-Kultur. Und die Wurzel liegt in dem schwierigen Umgang mit der Wut. Warum und wieso könnt ihr im nächsten Artikel nachlesen.

Bis dahin dann. Fühlt euch hinauf in den Schöpferwirbel.

Michael Antoni Unterschrift

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