Probleme lösen – der homöopathische Taschenspielertrick. Homöopathie Lektion 8

von 8. Sep 2017

Im letzten Beitrag »Probleme lösen – geht das wirklich?« hab ich die Idee angedeutet, dass es beim Probleme lösen viel mehr darum geht, offen für die Lösung zu werden, statt das Problem zu ergrübeln. Der homöopathische Taschenspielertrick macht genau das möglich.

Wenn die Lösung durch das Problem entstanden ist, dann braucht es jemanden, der die Offenheit für die Lösung mitbringt, um die Lösung empfangen zu können. Das Ergrübeln macht die Lösung größer, aber nur die Offenheit läßt die Lösung einfallen.

Wie aber wird man dafür offen? Die Homöopathie bietet ein großartiges Bild an, welches mir erklärt, wie das gehen kann.

Homöopathie – die übergangene Erklärung

Aber erklärt sie das wirklich? Hahnemann gibt einen Ansatz, aber mehr auch nicht. Dieser Ansatz wird jedoch von niemandem aufgegriffen. Und das finde wirklich spannend: die eigentliche homöopathische Erklärung, wie nun das Ähnliche in der Homöopathie heilt, wird eigentlich immer übergangen.

Auch James Tyler Kent äußerst sich dazu nicht. In seinen Vorlesungen zur Hahnemanns Organon sagt er:

»In § 29 hat Hahnemann eine Erklärung des Heilungsgesetztes gegeben. Er spricht von einer Hypothese, und daselbst sagt er wörtlich, er messe solchen Auslegungen aber nicht zu große Bedeutung bei, das sei alles Theorie. Man ist also nicht gezwungen, das auch zu übernehmen und wir haben deshalb dieses in unsern Kursen auch weggelassen.« James Taylor Kent, Zur Theorie der Homöopathie, Seite 130

Hahnemann selbst sagt, dass es ihm nicht so wichtig sei, wie es funktioniert, wenn es klar ist, dass es funktioniert. Diesem pragmatischen Ansatz scheinen alle Homöopathen zu folgen.

Wen interessiert es, was da genau passiert, wenn es doch passiert. Lass uns lieber lernen, was zu tun ist, dass es passiert – das, bei dem wir nicht genau wissen, was da passiert.

Wen also interessiert das warum? Mich! Mich interessiert das rasend! Für mich verbirgt sich darin eine Haltung – die Haltung des Gelingens!

Die Kunst des Vergessens

Für mich ist das nicht einfach nur eine Theorie. Für mich ist es das eigentliche Mysterium. Und wenn ich dieses Mysterium besser verstehe, dann ändert diese Erkenntnis nicht nur wie wir mit unseren Problemen umgehen, sondern wie wir mit dem Leben an sich umgehen.

Also schauen wir uns Hahnemanns kurze, aber ungewöhnliche Erklärung an:

»… es erlischt und entschwindet ihm dadurch das Gefühl der natürlichen (schwächern) dynamischen Krankheits-Affection, die von da an nicht mehr für das Lebensprincip existiert, welches nun bloß von der stärkern, künstlichen Krankheits-Affektion beschäftigt und beherrscht wird, die aber bald ausgewirkt hat und den Kranken frei und genesen zurückläßt … Die so befreite Dynamis kann nun das Leben wieder in Gesundheit fortführen …« § 29

Unter weiter in § 68

»… natürliche Krankheit zu überstimmen und
aus dem Gefühle des Lebensprincips zu verdrängen …«

Vereinfacht gesagt: die Lebenskraft vergisst, dass sie krank ist! Sie vergisst es! Nochmal, damit ihr euch das auf der Zunge zergehen lassen könnt: sie vergisst es! Es geht ums Vergessen!

Vergesse das Problem, um die Lösung zu erinnern!

Wie kann denn das sein? Geht es bei der Heilung nicht um Erinnerung? Ja schon, aber um die Erinnerung der Lösung. Und damit das geschieht, muss ich das Problem vergessen.

Du kannst eben nicht nur Einkaufszettel vergessen, sondern auch Probleme. Und ja, wenn du dein Problem vergißt, dann ist es weg, wie der Einkaufszettel.

Der Unterschied ist: beim Vergessen des Einkaufszettel ist dir die Abwesenheit des Zettels die ganze Zeit bewusst. Aber beim Vergessen eines Problems, bekommst du die Abwesenheit des Problems gar nicht mit, weil du dich sofort an die Lösung erinnerst.

Die Abwesenheit des Problems wird sofort gefüllt mit der Anwesenheit der Lösung. Du fängst sofort an, die Lösung zu leben.

Und tatsächlich: bei den beeindruckendsten Heilungserlebnissen in meiner Praxis haben die Patienten einfach vergessen, dass sie ein Problem hatten. Sie fingen einfach an, die Lösung zu leben. Erst über das Gespräch haben sie sich vage an das Problem erinnert.

Ist der Lebenskraft einmal das Gefühl für die Erkrankung genommen, dann kann sie es nicht mehr erinnern, da sie laut Hahnemann nicht erinnerungsfähig ist.

»… instinktartige, keiner Überlegung und keiner Rückerinnerung fähige Lebensprincip …« §34

Es gibt kein Zurück!

Und das glaube ich auch. Das Leben geht nur in eine Richtung: nach vorn. Es gibt kein zurück. Und wie gesagt: das Problem erzeugt eine Lösung, die weiter »vorn« auf mich wartet. Halte ich aber am Problem fest (weil ich es ergrübelnd lösen will), dann stelle ich mich gegen den Lebensfluss.

Dieser Widerstand macht alle Symptome des Problems aus. Ein Problems selbst führt zu keinen Symptomen, sondern nur zu einer Lösung. Aber das Festhalten am Problem, genau das führt zu den Symptomen eines Problems.

Wir müssten einfach nur loslassen und wieder mitfließen. Wir müssten vergessen, dass wir ein Problem haben.

Und genau das ist es, was passiert. Vergessen. Die Lebenskraft läßt das Problem einfach los, und da sie nicht erinnern kann, ist das Problem verschwunden, sobald es losgelassen ist.

Sobald es losgelassen ist, verschwindet der Lebenskraft das Gefühl für die Krankheit und Gesundheit macht sich breit.

Das berühmt-berüchtigte Loslassend

Das ist ja eigentlich nix neues. Das berühmte Loslassen. Aber wie geht das? Wie lasse ich los? Jeder quatscht davon, und wie verdammt nochmal soll das gehen?

Ich sage: das geht gar nicht!

Klar, ich kann die Hand meine Frau loslassen, die ich gerade zärtlich in meiner halte. Aber ein Fokus kann nicht loslassen. Deshalb macht es gar keinen Sinn, es zu versuchen.

Ich glaube: der Fokus ist ein zugreifendes Prinzip. Aufmerksamkeit ist Aufmerksamkeit und kann nicht loslassen, sondern kann sich immer nur auf etwas richten, kann etwas aufgreifen. Ich lasse das Alte los, indem ich etwas Neues aufgreife.

Loslassen geht also nur, wenn ich dafür etwas anderes fokussieren kann. Die Frage, die sich mir stellt, ist viel mehr: was greifst du auf?, anstatt: was läßt du los?

Was greifst du auf? Was machst du zum Thema, was wird fokussiert? Du kannst nicht einfach irgendetwas fokussieren. Du musst schon etwas sehr Spezielles aufgreifen, damit das Vergessen einsetzt.

Bedingungen für das Loslassen

Damit die Lebenskraft nun losläßt braucht es die berühmten zwei Bedingungen zur Heilung.

  1. die Ähnlichkeit
  2. die größere Stärke

Ähnlichkeit

Das fokussierte Thema muss in der Lage sein, ein ähnliches Problem zu erschaffen, bei jemandem, der das Problem noch gar nicht hat.

Hahnemann formuliert das so:

»Wähle, um sanft, schnell, gewiß, und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden für sich erregen kann, als sie heilen soll!« (Organon, 6. Auflage S. 74)

In der homöopathischen Arzneimittelprüfung werden diese Zusammenhänge zwischen »Reiz« und »Problem« erforscht. Jemand ohne Problem setzt sich einem Reiz aus und es wird beobachtet, welches Problem daraufhin entsteht. Da der Reiz nur kurze Zeit wirksam ist, verschwindet das Problem nach einer gewissen Zeit wieder von allein. Darum nennen wir das in der Homöopathie auch gerne Kunstkrankheit – also ein Kunst-Problem.

Kommt jetzt eine Person mit einem wirklichen Problem, wird nach einem erforschten Reiz gesucht, der ein Kunstproblem entsteht läßt, das dem eigentlichen Problem ähnlich ist. Bekommt die Person jetzt diesen ähnlichen Reiz, dann verschwindet das Problem.

Klar, das ist jetzt leicht vereinfacht. In Wirklichkeit beginnt ein Prozess in dem das Problem am Ende verschwindet. Und der Prozess geht mal schneller und mal dauert er seine Zeit, mal ist er kompliziert, mal ganz einfacch. Aber gut: am Ende verwindet das Problem. Und das ist wirklich erstaunlich.

Die größere Stärke

Damit das funktioniert, muss das »lösende Kunst-Problem« stärker sein, als das aktuelle, wirkliche Problem. Für meinen Fokus braucht es eine Art Wachablösung. Der Fokus muss sich mit dem lösenden Kunst-Problem beschäftigen.

Das Stichwort ist Aufmerksamkeit. Das künstliche Problem muss die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und das geschieht nur, wenn neben der Ähnlichkeit zum Problem auch die »Intensität« (das Momentum) des neuen Problems größer ist, als das des eigentlichen.

Erst wenn diese beiden Bedingungen erfüllt sind, wird das eigentliche Problem ersetzt vom ähnlichen Kunst-Problem, welches so »schön intensiv erstrahlt«, dass der Fokus nicht anders kann, als »zuzugreifen«. Es findet so eine Art Problemaustausch statt.

Und dabei passiert das Entscheidende: das wirkliche Problem wird losgelassen. Der Fokus wird davon abgezogen. Geschafft. Fertig.

Der homöopathische Taschenspielertrick

Der Witz beim neuen Problem ist: es ist nur ein Kunstproblem. Es hat keine wirkliche Dauer. Es erscheint in voller Intensität und verblasst dann schnell wieder.

Es ist wie ein Gedanke, der schnell und intensiv auftaucht, ein Bild zeichnet und ein intensives Gefühl entstehen läßt, der aber nicht weitergedacht wird und somit kein Schwungkraft aufbaut und es nicht zu einem chronischen Gedanken schafft.

So taucht das Kunstproblem auf, in voller Pracht und fühlt sich auch an wie ein echtes Problem, aber es verblasst schnell wieder und löst sich gänzlich auf, wenn es nicht wieder erzeugt wird.

Das bedeutet: die Lebenskraft tauscht das richtige Problem gegen ein ähnliches, intensiveres, aber künstliches Problem ein, welches sich ganz von allein wieder auflöst und verschwindet.

Die Folge: Jetzt steht die Lebenskraft ganz ohne Problem da.

Die Lebenskraft wird also ausgetrickst durch einen Taschenspielertrick – den homöopathischen Taschenspielertrick: sie tauscht ihr »echtes« Problem aus, läßt es los und greift nach einem viel schöneren Problem, welches sich aber gleich in Luft auflösen wird, und die Lebenskraft ohne Problem zurücklässt.

Wäre das jetzt Geld gewesen, wäre die Empörung groß. Aber bei einem Problem. Da freut man sich doch. Mir hat man mein Problem geklaut.

Aber die Lösung

Und jetzt? Ist nicht auch mein Lösung weg. Wenn ich das Problem nicht selbst gelöst habe, dann bin ich doch auch meiner Lösung beraubt. Hat mir der Taschenspieler mit dem Problem nicht auch die Lösung geklaut?

Nein, hat er nicht! Denn die Lösung ist ja schon existent (siehe Potentialentfaltung). Und die Lebenskraft möchte auch schon die ganze Zeit über zur Lösung hin, kann das aber nicht, da die Lebenskraft am Problem verhaftet war. Jetzt, da das Problem losgelassen ist, ist die Lebenskraft frei, sich zur Lösung hinzubewegen.

Das Lösen eines Problems ist die Lösung – die Loslösung, das Loslassen, das Abgeben, das Hergeben. Das Verhaftet sein am Problem verhindert die Lösung.

Das Paradox

Das Paradox besteht darin, dass das Problem die Lösung erzeugt und das Anhaften am Problem die Wahrnehmung der Lösung verhindert.

Das Problem muss nur erlebt werden. Damit hat es seine Aufgabe erfüllt. Probleme sind zum Erleben da, nicht zum Ergrübeln. Erleben und dann ablegen. Erleben und dann loslassen.

Solange ich also versuche, das Problem an sich zu »lösen«, halte ich am Problem fest, und kann nicht zur Lösung kommen.

Es braucht also viel Mut und Verständnis, um einfach nur das Problem abzugeben. Es braucht die Haltung des Gelingens, damit ich mich für die Lösung öffne. Oder es braucht den homöopathischen Taschenspielertrick.

Was braucht es für euch, um Lösungen zu finden?

Beste Grüße

Michael Antoni Unterschrift

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