Schuld und Sühne – die Last des Alkohols

von 5. Mai 2017

Schuld und Sühne und die Flasche

 

Aus persönlichen Gründen habe ich eine besondere Nähe zum Alkoholismus (nein – ich selbst saufe mich nicht zu Tode!). Und das, was mir dabei besonders auffällt ist ein riesiger Berg an Schuld und Scham. Vielleicht ist es das größte Problem an dieser Suchtkrankheit, sich so schamvoll und schuldig zu fühlen und ständig »Schuld und Sühne« zu betreiben.

Scheinbar ist sich die gesamte Gesellschaft darüber einig, dass Alkoholiker zu sein etwas »Schlechtes« ist. Es ist nicht in Ordnung. Es ist nicht richtig. Es ist nicht einfach nur eine Erkrankung, sondern Alkoholismus ist ein Statement: ich bin gescheitert.

Für den Alkoholiker macht es das nicht einfacher. Denn im Prinzip klagt sich jeder Alkoholiker zweimal an:

  1. er klagt sich an, wegen irgendetwas, dass ihn zum Trinken bringt
  2. und er klagt sich an, dass er trinkt.

Gewinne den Willenskampf – wirklich?

Doppelte Selbstanklage im massiven Ausmaß. Das zu lösen ist sehr, sehr schwierig. Auch hier gibt die Gesellschaft den scheinbaren Weg zu Lösung vor: Willenskampf. Du musst den Willenskampf gewinnen, der darin besteht, nie mehr zu trinken. Schwarz – Weiß. Keine Grautöne. Du bist Alkoholiker. Immer. Entweder trocken oder nicht. Schuld und Sühne ist Teil des Lösungskonzepts.

Wie kann ich gewinnen, wenn ich mich besiegen muss?

Diese Art des Willenskampfes ist jedoch gegen mich gerichtet. Ich bin meine größter Gegner, mein größter Feind. Ich muss mich selbst besiegen. Das macht es schwierig, eigentlich unmöglich. Aber genau das macht es auch so faszinierend. Dieser Mythos »Ich gegen mich« wird in unsere Kultur wahrlich verherrlicht und zelebriert. Willst du irgendwann als Statue enden, dann musst du diesen Kampf gewinnen – und zwar öffentlich und eindrucksvoll. Für viele ist es der einzig wahre Kampf. Und Schuld und Sühne gehört zu diesem Kampf.

Für mich nicht! Für mich ist es ein Kampf bei dem es nur Verlierer gibt. Wie kann etwas gut sein, bei dem ich mich selbst als Feind begreife? Selbst wenn ich diesen Kampf den Rest meines Lebens gewinnen sollte, habe ich ein Leben gelebt bei dem ich mich ständig als Feind empfinde. Wie kann ich der Gewinner sein, wenn ich auch der Verlierer bin? Sicher: es hat ja nur der destruktive Teil verloren; der Drang zum Trinken wird immer wieder besiegt. Aber habe ich nicht schon von Anfang an verloren, wenn ich mich als Feind sehe?

Kein Kontrolle über den Fokus

Was ist »verloren«? Mein Fokus ist »verloren«. Denn wenn ich mich selbst als Feind wahrnehme, dann bin schon sehr, sehr lange auf dem Weg zum Unerwünschten – einem Weg des immer höher werdenden Widerstandes. Dann habe ich schon lange, lange, sehr lange keine Kontrolle mehr über meinen Fokus. Das immer größer werdende Momentum lenkt meinen Fokus immer mehr auf Unerwünschtes. Und deshalb erscheint es immer unmöglicher den Fokus wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Es erscheint nur logisch – und ist so verständlich – jetzt zu versuchen, statt des Fokus (der außer Rand und Band ist) das Handeln unter Kontrolle zu bekommen (nicht mehr saufen, nicht mehr …). Auch wenn das ein Ansatz ist, der kurzfristig auch sinnvoll ist, so kann die Lösung langfristig für mich nicht darin liegen, auf Lebenszeit mein Handeln zu kontrollieren, wenn doch der Fokus aus dem Ruder läuft.

Wie werde ich wieder mein Freund?

Für mich stellt sich viel eher die Frage: wie kann ich wieder mein Freund sein? Wenn ich freundlich zu mir bin und mir ein Genussmittel gönne, wie ein Glas Wein, dann tue ich das ja, weil es mir gut tut.

Das ist die Ausgangslage: das Motiv der Wohltat.

Ein Spaziergang, ein heißes Bad, eine Urlaub in der Sonne, ein Glas Wein, Sex, Schokolade, ein guter Film, ein gutes Buch, ein intensiver Workout. Es tut mir gut. Es beruhigt mich, lädt mich wieder auf, entspannt mich, bringt mich wieder zu mir.

Das Motiv der Wohltat ist immer gut.

Mir etwas Gutes zu tun, mich zu beruhigen, mich runterzuholen, mich zu entspannen ist immer das richtige Motiv – immer. In der Sucht verdreht sich da aber etwas. Ganz langsam, wird das Motiv, mir Gutes zu tun, immer zweifelhafter und es wird destruktiv. Und dann bestrafe ich mich und klage mich an, dass ich so willensschwach bin. Das wiederum macht es aber fast unmöglich Frieden mit mir zu schließen.

Das bedingungslose Gefühl

Wenn ich einigermaßen im Frieden mit mir bin, mit mir im reinen, und ich gut zu mir sein darf, dann kann ich relativ bedingungslos gut zu mir sein. Das bedeutet: egal wie die alltäglichen Bedingungen sind, ich finde ohne spezielle Bedingungen wieder zu mir zurück, kann mich also von allein wieder in mein Wohlgefühl steuern.

Das ist die Basis: ich als Freund von mir selbst, finde auf einfachem Wege immer wieder zu mir zurück.

Deshalb sind die meisten meiner Genussstoffe Ausdruck meines Wohlseins. Ich benutzte sie nicht um ein Unwohlsein zu kompensieren.

Dafür muss ich mir aber nah sein. Das bedeutet: ich muss grundsätzlich das Gefühl haben: ich bin in Ordnung. Ich muss mich frei fühlen. Frei von bestimmten Bedingungen.

Ich brauche die Erfahrung, dass ich selbst meine Gefühle steuern kann. Ich selbst bin für mein Wohlgefühl verantwortlich, durch die Art wie ich auf mich und auf die Welt schaue.

Das ist die einzige Freiheit. Diese Freiheit zeigt sich auf allen Ebenen meines Lebens.

Die Falle: das bedingte Gefühl

Sobald ich diesen Zustand verlieren, weil ich anfange zu glauben, dass mein Wohlgefühl an bestimmte Umstände gebunden ist, werde ich abhängig. Wenn ich anfange zu glauben, dass meine Gefühle Reaktionen auf äußere Bedingungen sind, werde ich abhängig von den Bedingungen. Dieses bedingte Gefühl ist die einzige Abhängigkeit. Jetzt ist das Glas Wein nicht mehr Ausdruck des Genusses, sondern die notwendige Handlung in den Umständen. Und auch diese Abhängigkeit zeigt sich auf allen Ebenen meines Seins — nicht nur bei der Flasche.

Grundsätzlich gibt es keinen Unterschied zwischen einem Alkoholiker und jemandem, der sich nur wohl fühlen kann, wenn andere freundlich sind – harmoniesüchtig. Es ist die gleiche Thematik. Nur ist der Alkoholiker auf der Abwärtsspirale deutlich weiter. Aber beide bewegen sich in die gleiche Richtung. Beiden ist gemeinsam, dass sie etwas Äußeres über sich selbst stellen und sich abhängig erleben von äußeren Bedingungen.

Warum nimmst du deinen Bedürfnisse nicht wichtig?

Um aus dieser Abhängigkeit von Bedingungen herauszukommen, muss dir das eigene Wohlergehen wieder wichtiger werden, als das der anderen.

Denn erst dann fängst du an, wieder auf deine Bedürfnisse zu schauen. Und dann erst spürst du wieder hin. Dann erst kannst du anfangen, deinen Fokus wieder mehr unter Kontrolle zu bekommen. Jetzt erst machst du die Erfahrung, wie wenig die äußere Welt deine Gefühle bestimmt. Du spürst dann immer mehr, dass du es bist, der denkt. Nur du hast die Freiheit und die Möglichkeit, auszusteigen aus dem Gedankenkarusell, um etwas anderes zu denken, das sich besser anfühlt. Aus diesem Grund sind Achtsamkeits-Rituale und -Meditation so wichtig für Alkoholiker.

Höre auf dich schuldig zu fühlen!

Ich weiß schon: wenn das so einfach wäre! Aber darum geht es. Du kommst also aus dem Gleichgewicht (Unwohlsein entsteht) und jetzt musst du aufhören, dich dafür schuldig zu fühlen, dass du aus dem Gleichwicht gekommen bist. Schuld und Sühne bringen dich noch mehr ins Ungleichgewicht. Diese Scham vergrößert das Unwohlsein immer weiter, bis als Ausweg einzig der Griff zur Flasche erscheint. Das ist dann die Handlung, welche die Unfähigkeit kompensiert, den Fokus in den Griff zu bekommen.

Motiv richtig. Zeitpunkt falsch

Du musst dir klar machen, dass selbst dieser Griff zur Flasche aus dem richtigen Motiv kommt — du willst dir was Gutes tun.

Nur der Zeitpunkt ist viel, viel, viel, viel zu spät. Die Destruktivität hat schon viel früher eingesetzt, in dem du nicht auf deine Bedürfnisse hörst und dich damit ausradierst. Und wenn du das lange, lange machst, ist das sehr destruktiv. Die Flasche ist nur ein Versuch, eine Pause von dieser Destruktivität zu bekommen. Also: das Motiv ist richtig, der Zeitpunkt viel zu spät.

Es gilt: aus einer destruktiven Haltung heraus haben alle Handlungen destruktive Auswirkungen – alle, auch die gut gemeinten.

Der Griff zur Flasche ist jetzt destruktiv, weil die Haltung destruktiv ist. Du bist nicht mehr dein Freund, und gönnst dir als Freund einen Schluck. Sondern du bist schon dein eigener Feind, fühlst dich schuldig und voller Scham und gönnst dir als Feind einen Schluck. Auch wenn jetzt das Motiv der Wohltat da ist (dich beruhigen, runterkommen, erleichtern), kommt es von dir als Feind und hat negative Auswirkungen.

Dein Widerstand ist kein Indikator für Wertlosigkeit

Jedes Problem, jede Erkrankung, alles »Unerwünschte« ist nur Ausdruck des Ungleichgewichts, des Widerstandes – mehr nicht. Wir machen daraus aber leider ein Maßband der Würde und versuchen daran unseren Wert, oder besser gesagt unsere Wertlosigkeit abzulesen. Krankheit ist nur ein Indikator. Deshalb bei allen das Gefühl von Schuld und Sühne – egal ob irgendeine Erkrankung oder eben eine Suchterkrankung. Je größer das Ungleichgewicht, desto größer die Wertlosigkeit. So unsere Rechnung. Welch ein Unsinn!

Dein Wert besteht im Widerstand

Ungleichgewicht, Unerwünschtes, Probleme, Widerstand oder wie auch immer wir den Kontrast nennen wollen, ist ein notwendiger Teil für die Entwicklung des Lebens. Dieser Teil gehört dazu. Er drückt nichts Falsches aus. Er beweist nicht deine Würdelosigkeit, deine Sündhaftigkeit, deine Falschheit. Deshalb ist Schuld und Sühne so unsinnig. Widerstand ist natürlich und notwendig hier auf der Erde.  Und deine Gefühle, wie die Umstände, sind Indikatoren für diesen Widerstand. Nicht mehr und nicht weniger. Dein Wert ist unabhängig davon. Dein Wert besteht ja genau darin, dass du diesen Widerstand haben kannst.

Schuld und Sühne — Stop it!

Bei allen Schwierigkeiten (nicht nur bei Alkoholismus) ist es die wichtigste Aufgabe, Schuld und Sühne zu beenden.

Wie verringere ich die Scham? Wie reduziere ich die Schuld? Und wie entsteht wieder eine Raum, in dem ich ja zu mir und zu meinem Motiv der Wohltat sagen kann?

Wie werde ich wieder mein Freund? Und wie kann ich wieder erleben, dass mich beruhigen, mich besänftigen, mich entspannen, mir Gutes tun, immer das richtige Motiv ist.

Grundlos besser fühlen

Meine Antwort: fühle dich einfach besser — ohne Grund. Erlaube es dir. Du darfst dich gut fühlen, auch wenn du nicht die kleinen Siege gegen dich selbst als Willensakt feiern kannst. Wenn du diese Siege brauchst, dann läuft etwas grundsätzlich in eine unerwünschte Richtung. Wenn du dich ganz frech einfach so besser fühlen lernst, dann läuft alles in eine erwünschte Richtung.

Für alle, die in der Alkoholiker-Klemme festsitzen, ist das nicht so einfach zu schaffen. Es wird eine Zeit brauchen, bis unzählige Entzüge, Gewinne und Niederlagen beim Willenskampf den Fokus auf das aus meiner Sicht Wesentliche richten:

Dir ein Freund zu sein, und zwar zu einem so frühen Zeitpunkt, das es grundlos erschient, dir leicht fällt und dich erleichtert – das ist bedingungslose Freundschaft dir selbst gegenüber.

Und das ist zu schaffen. Vor allem für alle Nicht-Alkoholiker, und das werden wahrscheinlich die meisten sein, die das hier lesen, ist es möglich. Fühle dich einfach besser.

Warum? Weil es richtig ist.

Wie geht ihr mit Schuld und Sühne um?

pastorale (grins) Grüße

Michael Antoni Unterschrift

4 Kommentare

  1. Tatjana Fischer

    Wir Menschen haben uns eine Kultur geschaffen, um nicht mehr so sehr äußeren Widrigkeiten (Naturkatastrophen etc.) ausgeliefert zu sein und um das Zusammenleben zu gestalten.
    Dafür haben wir der Kultur erlauben müssen, Eingriff in unsere persönliche Freiheit vorzunehmen. In diesem Zustand versuchen wir zwischen uns und den Anderen unsere Position zu bestimmen. Dabei bleibt es nicht aus, daß die Kultur zum „Ding an sich“ wird, obwohl sie eigentlich nur etwas regeln soll. Sie wird zur eigenständigen Macht. Was als Kinder für uns Mutter und Vater waren, ist jetzt für uns Erwachsene die Kultur.
    So wie wir lernen selbst zu sein und trotzdem die Eltern zu ehren, so müssen wir es auch mit der Kultur tun.
    Ich handele in der Kultur, bestimme aber meine Ziele aus mir selbst. Dies vertrete ich auf die mir eigene Weise, freundlich und ruhig oder bestimmt und redselig.
    Auf diese Weise kann das Leben eine äußerst unterhaltsame Sache sein. Wie im Theater werden die Rollen verteilt, das Thema des Stückes festgelegt und wie viele Akte es gibt. Dann kann der Spaß beginnen und jeder darf mitspielen.
    Mein Selbst sagt mir, daß mehr gar nicht nötig ist.

    Die allerbesten Grüße von Tatjana

    Antworten
    • Michael

      Hallo liebe Tatjana,

      Ich handele in der Kultur, bestimme aber meine Ziele aus mir selbst. Dies vertrete ich auf die mir eigene Weise, freundlich und ruhig oder bestimmt und redselig.
      Auf diese Weise kann das Leben eine äußerst unterhaltsame Sache sein.

      so sehe ich das auch. Mehr ist nicht nötig.

      Danke für deinen ausführlichen Kommentar.

      Liebe Grüße Michael

      Antworten
  2. Jeannette Hagen

    Ein wunderbarer Text. Genau zur richtigen Zeit. Um zu verstehen. Ich danke Dir! Herzliche Grüße, Jeannette

    Antworten
    • Michael

      Liebe Jeannette,
      ein wunderbarer Kommentar. Du wirst lachen: auch zur richtigen Zeit. Viele Dank dafür. Es freut mich, wenn der Text mehr Klarheit bewirkt.
      Herzliche Grüße Michael

      Antworten

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