Wut – das tabuisierte Gefühl

von 20. Jun 2017

Wut ist ein Gefühl, dass eine besondere Stellung in der Gefühls-Skala inne hat. Sie ist besonders wichtig, weil sie aus den zurückgehaltenen Gefühlen einfach so herausbricht und uns hinüberführt in die besseren, leichteren negativen Gefühle, die ausgedrückt werden können.

Aber gleichzeitig ist Wut auch das Gefühl, welches am wenigsten gemocht wird. Wut ist eben schwer aushaltbar – für den Betroffenen wie auch für das Umfeld. Wut ist ein Tabu.

Um besser zu verstehen, warum Wut für die meisten ein so schwieriges Gefühl ist, will ich ein klein wenig ausholen und in die frühen Jahre unsere Kindheit zurückblicken.

Natürliche Frust-Bewältigung

Bei vielen Bedürfnisse, die wir als Kinder haben, sind wir angewiesen auf unsere Eltern, dass sie uns diese erfüllen.

Angenommen ich habe riesige Lust auf Eis. Das Wetter ist herrlich, die Sonne scheint und ein Eis wäre die Krönung dieser Wonne. Dann werde ich anfänglich dieses unglaublich riesige Bedürfnis auch mitteilen, in der Hoffnung, dass Mama oder Papa mein Begehren erhören und mir diese Wunsch erfüllen.

Nun finden Mama oder Papa aber eben nicht, dass jetzt ein günstiger Moment für ein Eis ist. Das Warum spielt jetzt hier keine Rolle. Es gibt mein Bedürfnis und es wird nicht erfüllt. Das ist schrecklich.

Zum einem schmerzt es, weil ich etwas nicht bekomme, was ich so gerne haben möchte, zum anderen werde ich mit meiner Ohnmacht konfrontiert, denn die Erfüllung liegt nicht in meiner Hand.

Ohnmacht

Und Ohnmacht ist – wie in der Gefühls-Skala zu sehen – das schlechteste aller Gefühle. Niemand will das lange fühlen. Niemand. Deshalb versuche ich jetzt natürlich, mich aus der Ohnmacht herauszubegeben. Das geschieht natürlich von allein, denn wie gesagt, mein Organismus weiß immer, in welcher Richtung mein Wohlbefinden liegt.

Wut

Deshalb werde ich wütend. Automatisch. Wütend zu sein, ist viel besser, als mich ohnmächtig zu erleben. Und mit dieser Wut wiederhohle ich mein Anliegen (vielleicht war ich nicht deutlich genug): »Ich will aber ein Eis«! Um dem Nachdruck zu verleihen, stampfe ich kräftig mit dem Fuß auf.

»Es gibt aber jetzt kein Eis!« Die Ohnmacht kommt wieder. Und Wut verschafft mir wieder Erleichterung. Aus dieser Wut heraus marschiere ich gleich in den nächsten Ort Namens »Schuldzuweisung«. Wütend beschimpfe ich meine Eltern: »Ihr sein blöd! Ihr seid Schuld, dass ich kein Eis bekomme. Blöde Mama. Blöder Papa!«

Trotz

Angenommen, Mama und Papa würden das jetzt einfach so stehen lassen. Was würde dann passieren? Ich will mich weiter besser fühlen, was bedeutet: in der Wut und in der Schuldzuweisung zu bleiben ist keine Option.

Also nächster Ort: Trotz. Trotzig verweigere ich mich für alles. Jetzt bin nämlich ich derjenige, der etwas (alles) verweigert. Da fühle ich schon viel mehr Macht – großartig.

Lösende Trauer

Aber auch das ist auf Dauer nicht schön. Also nächster Ort: »lösende Trauer«. Jetzt erst spüre ich, wie sehr ich das Eis gewollt habe und wie sehr es mich schmerzt, es nicht bekommen zu haben. Jetzt kommt die Trauer hoch, meine Augen füllen sich mit Tränen und ich muss weinen. Es löst sich.

Gleichgewicht

Angenommen, Mama und Papa würden das jetzt wieder einfach so stehen lassen. Was würde dann jetzt geschehen? Die Trauer und die Tränen würde nachlassen und ich würde wieder in mein Gleichgewicht zurückfinden.

Das bedeutet: ich könnte sehr bald wieder liebevoll offen mit Mama und Papa umgehen und schnell wieder voller Hoffnung sein, dass ich beim nächsten Mal ein Eis bekommen werde.

Lernerfolg in Frustverarbeitung

Und vor allem: ich lerne, wie ich mit Frustration umgehe.

Ich hätte die Erfahrung gemacht, dass ich mich selbst, ganz allein, aus dem Unwohlsein eines nichterfüllten Bedürfnisses wieder ins Wohlsein zurückbewegen kann.

Eine enorm wichtige Erfahrung, die mir klar macht, das ich mich nicht ohnmächtig fühlen brauche.

Dauer des »Wieder-ins-Gleichgewicht-Kommens-Prozess«

Bei einem »gesunden Kind« dauert dieser Prozess von der Ohnmacht über die Wut zur Trauer ins Gleichgewicht ungefähr 21,3 Sekunden. Will sagen, es geht sehr schnell. Und der Ausbruch ist moderat: die Unmut ist moderat, die Traurigkeit ist moderat und das Tempo ist zügig. Je geübter ein Kind ist, desto schneller und desto milder verläuft der Rückweg ins Gleichgewicht.

Die Eltern und ihr Erziehungs-Auftrag

Aber lassen wir die Eltern jetzt reagieren. Stellen wir uns vor, viele Leute stehen vor der Eisdiele und alle bekommen das »Theater« mit, dass mein freches, unersättliches Eis-Monster da veranstaltet. Wie peinlich. Gar nicht das höfliche, gehorsame, liebe Kind zu haben, mit dem ich angeben kann als erfolgreicher Familien-Projekt-High-Performer, das ist schon unangenehm.

Um meinem Erziehungs-Auftrag von Gehorsamkeit gerecht zu werden, muss ich jetzt auch erziehen, und kann es eben nicht einfach so stehen lasse. Das geht nicht.

Distanz

»Hey so redest du nicht mit deiner Mama / deinem Papa!« Die distanzierte Formulierung in der dritten Person soll meine monarchische Autorität unterstreichen.

Gegenangriff mit Bewertung

Das mag das Kind wenig beeindrucken. Genörgel. Also braucht es eine deutlicher Zurechtweisung: »Also geht’s noch? Erst so einen (maßlosen) Wunsch haben und jetzt auch noch frech werden. Wo sind wir denn? Schluss jetzt!«

Die Autorität hat gesprochen. Das Kind fängt an zu weinen. Jetzt nicht, weil es traurig ist, da es kein Eis bekommt, sondern weil es sich nicht gesehen fühlt, stattdessen bewertet und ausgeschimpft wird.

»Vernichtung« mit der Moral-Keule

»Jetzt reiß dich zusammen. Jetzt auch noch heulen. Damit bekommst du mich nicht weichgekocht. Es gibt kein Eis, basta. Und morgen auch nicht. Du musst endlich mal lernen, wer hier das sagen hat. Und du musst endlich mal lernen, dass es nicht immer um dich geht. Du bist nicht das Zentrum der Welt, um das sich alles dreht. Andere Kinder träumen ein Leben lang von einem Eis. Du weißt ja gar nicht, wie gut du es hast!«

Amen. Ende der Predigt. Alle sind beeindruckt. Hier wird erzogen und ein gehorsames, pflegeleichtes Mitglied der Gesellschaft herangeführt.

Die Wut des Kindes wird als persönlicher Angriff erlebt

Das passiert so oder ähnlich, milder oder strenger, meist viel subtiler, zig mal am Tag. Den Zorn und die Wut, welche das Kind ausdrückt, um sich besser zu fühlen und sich »zurückzufühlen« ins Wohlsein, wird von den Eltern persönlich genommen und als Angriff verstanden.

Selbst die Trauer und das Weinen ist für die Eltern schwer aushaltbar, weil sie sich selbst damit unwohl fühlen. Sie nehmen das alles mindestens persönlich und oft als Angriff.

Doch es ist nie als Angriff gemeint. Zumindest nicht zu Anfang. Später dann, wird das sicherlich anders. Später, wenn die Beziehung der Eltern zum Kind zu einem Machtkampf mutiert ist, ist das meiste nur noch Angriff und Verteidigung, Manipulation und Propaganda.

Aber zu Anfang sind die »unschönen« Gefühle völlig unpersönlich und drücken nur die Bewegungsrichtung zum Wohlbefinden aus.

Da die Eltern das aber so nicht sehen können (weil sie es selbst so erlebt haben mit ihren eigenen Eltern), greifen sie ein und unterbinden die Wut. Wut ist nicht erlaubt, weil Wut die Autorität der Eltern angreift. Und in einem System, in dem Gehorsamkeit das Ziel ist, ist Wut verboten.

Die Wut führt zurück in die Schuld

Wird das Kind also wütend, weil es sich schlecht fühlt, so fühlt es sich gleich wieder schuldig, weil es wütend wird. Ein Teufelskreislauf, der nur dazu führt, nicht mehr in die Wut zu gehen. (Oder ständig, je nach Typ). Und das ist wirklich ein Dilemma: die Verbesserung geht nur über die Wut, aber die Wut führt sofort zur Schuld und wird betraft.

Die Wut-Blockade

Und somit wird die natürlich Bewegungsdynamik aus dem Ohnmacht heraus, über Wut und Trauer zurück ins Wohlsein verbaut. Der Weg der Erleichterung ist bei der Wut blockiert.

Von der Wut geht es zurück in Schuld, Scham, Angst und Ohnmacht. Diese Schleife vollzieht sich unzählige Male, bis sich ein chronisches Ohnmacht-Gefühl einschleift.

Machtkampf gewonnen – Beziehung verloren

Die Autorität im Aussen hat den Macht-Kampf gewonnen (und die Beziehung verloren) und wird vollkommen akzeptiert. Die eigenen Bedürfnisse des Kindes völlig aufgegeben. Schlimmer noch: am Ende weiß das Kind gar nichts mehr über die eigene Bedürfnisse, sie können nicht mehr wahrgenommen werden.

Ichlos fügt sich das Kind seinem Schicksal und wird ein artiger, braver, fremdbestimmter Mensch, der gehorsam willenlos das macht, was von ihm verlangt wird.

Die Botschaft ist folgende:

»Hallo du armseliger wütender Wurm. Wut ist ein Ort, an dem du nicht sein darfst. Diese Ortschaft ist keine Durchgangsstation, sie hat nur eine Eingangsstraße. Es führt kein Weg heraus. Hier kommst du nicht durch. Du hast nur zwei Möglichkeiten: entweder du verirrst dich bei uns und bleibst bei uns im Reiche des Bösen und wirst ein Wutbürger oder du kehrst schleunigst wieder um und schiebst deinen Hintern dahin zurück, woher du gekrochen kamst – zurück in die Ohnmacht du jämmerlicher Waschschlappen.«

Wie fühlst du dich, wenn ein Wunsch unerfüllt bleibt?

Das hört sich jetzt hier alles sehr drastisch an und die meisten denken sich: »Der Antoni! Der übertreibt aber maßlos.« Das kann schon sein. Dem Leben sei dank, geht es nicht bei jedem bis in dieses Extrem.

Aber überlegt mal: Wie fühlt ihr euch, wenn ihr jemandem gegenüber einen Wunsch äußert und dieser den Wunsch nicht erfüllt? Ich wette, dass die meisten von euch sich mehr schuldig fühlen, als traurig.

Du willst Sex und dein Partner nicht. Bei so einem sehr intimen und persönlichen Wunsch wetten ich, dass sich beide schuldig fühlen – und kaum traurig.

Der Abgelehnte empfindet die Ablehnung sofort als negative Bewertung des eigenen Bedürfnisses (du willst viel zu viel Eis) – und fühlt sich schlecht (ich will zu viel, so oft und überhaupt). Und der Ablehnende fühlt sich schuldig, weil er es nicht will. (Ich müsste eigentlich, ich bin nicht richtig).

Schuld verhindert den Umgang mit Konflikten

Immer, wenn zwei unterschiedliche Bedürfnisse aufeinanderprallen – ich glaube das nennt man einen Konflikt – entsteht Schuld und Scham bei beiden. Und keiner kann damit Umgehen, weil beide verlernt haben, wie man damit umgeht.

Entweder schmollen beide still und vermeiden es zukünftig eigene Bedürfnisse zu äußern (wenn sie sie denn überhaupt spüren) und es entsteht ein kühle Distanziertheit, die als Harmonie fehlinterpretiert wird.

Oder sie verfallen in den Macht-Kampf-Modus, bei dem sich immer einer angegriffen fühlt und sich verteidigt – egal, ob der Wünscher oder Ablehner.

Das ist das Resultat dieser Gehorsams-Kultur:

  • Eine Unfähigkeit mit Frustration umzugehen.
  • Ein Unfähigkeit mit Konflikten umzugehen.
  • Schuldgefühle überall und bei allen.
  • Scham für die eigenen Bedürfnisse.
  • Macht statt Liebe.
  • Kühle Distanz, statt herzliche Nähe.

Ortsbeschreibung des Tourismus-Zentrum für Wut.

Was wir hören sollten wäre:

»Herzlich willkommen in der Wut. Dies ist ein herrliches Örtchen, durch das du reist auf deinem Weg zur Liebe. Wir wissen, wir sind nur eine Durchgangsstation für dich, aber nichts desto weniger versuchen wir alles, um dir deinen Aufenthalt bei uns so schön wie möglich zu gestalten. Lasse dich nieder, raste ruhig aus, wir sind für dich da, auch wenn du uns nur kurz besuchst. Unser Nachbar-Ort Lösende Trauer wartet schon auf dich.«

Der Segen der erlaubten Wut

Mit dieser Haltung könntet ihr euch und anderen begegnen, wenn Wut auftaucht. Kinder würden öfters mal wütend werde, aber nicht gewalttätig. Überhaupt: die Gewalt würde rapide abnehmen, den Gewalt ist immer da, wo die Ohnmacht am größten ist.

Aber in dieser wut-freundlichen Haltung bleibt die Ohnmacht sehr klein. Denn die Erfahrung ist: ich kann mich ganz allein in mein Wohlbefinden zurückführen, auch dann, wenn ich nicht bekomme, was ich will.

Und genau das läßt mich bedingungslos werden. Darin liegt meine wahre Macht – im bedingungslosen Gefühl, dass ich selbst, ganz aus mir selbst heraus erreichen kann.

Lasst Euch wütend sein! Lasst eure Kinder wütend sein! Nehmt Wut nicht persönlich. Sie ist nur der Ausdruck von sich besser fühlen wollen. Und wenn ihr euch das gönnt, dann fühlt ihr euch gleich besser, nämlich traurig.

»Hasta la vista baby«

Michael

4 Kommentare

  1. Lisa Marie

    Genial!
    Heute, im entspannten Modus meinerseits, so bei wütendem Kleinzwerg erlebt. Heraufgeregelt hat er sich.

    Antworten
    • Michael

      Hi Lisa Marie,
      Glückwunsch. Entspanntheit in dir ist. Großartig.

      Antworten
  2. Caro

    Wunderbar! Vielen Dank für den klaren, klugen Artikel! und dafür, dass sich das Geschriebene alles so angenehm und entspannt anhört: es klingt nach einem freundlichen, verständnisvollen und wohlmeinenden Blick auf uns Menschen. Da fühle ich mich beim Lesen direkt selbst gesehen und angenommen. Was das entspannte Annehmen meiner Wutanfälle und der meiner näheren Umgebung (buchstäblich zauberhaft) fördert. Und es hilft, die unnützen Schuldgefühle freundlich zu verstehen und sie freundlich umzuwandeln.
    Mille Grazie 🙂

    Antworten
    • Michael

      Liebe Caro,
      dank dir für deine wunderbare Rückmeldung. Das, was du schreibst, berührt mich sehr. Ich finde, das ein freundlicher, verständnisvoller und wohlmeinender Blick auf uns Menschen der beste aller Blicke ist.
      Sonnige Grüße aus Berlin
      Michael

      Antworten

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